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Negerbaby und Nazivater Drucken

Die Geschichte meiner Puppe BertaNegerpuppe

 

Ich wurde am 1928 in Korbach geboren. Die Stadt sah ganz anders aus als heute. Meine Puppengeschichte begann 1937.

Von der Altstadt her gingen meine Mutter und ich in die Hitlerstraße, die heutige Bahnhofstraße zu dem Kaufhaus Neuhaus. Da konnte man alles kaufen. Von Messer, Gabel, Kochtöpfe und allem was man im Hause brauchte. Ich freute mich riesig an solchen Tagen mitzugehen, weil ich immer ein Paar Salmiakpastillen mit nach Hause nehmen durfte.

 

Bei einem Rundgang durch das Kaufhaus entdeckte ich ein Negerbaby. So was Schönes hatte ich noch nicht gesehen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich holte meine Mutter und sagte: „Diese Puppe möchte ich gerne haben. Bitte, bitte Mama. Schenk sie mir doch zum Geburtstag.“ Sie sagte: „Wir wollen mal sehen. Es sind ja noch fünf Monate.“

 

Von Monat zu Monat schaute ich nach, ob sie noch da war und bettelte: „Mutter, kaufst du sie mir.“ Aber wieder kam die Antwort: „Mal sehen.“ Mein Geburtstag kam näher und näher. Ich träumte davon endlich meine Puppe in den Arm schließen zu können.

 

Als wir Anfang Juli in dem Kaufhaus waren, war die Puppe nicht mehr da. Sofort lief ich zu dem Verkäufer und fragte nach meiner Puppe. Er sagte: „Sie ist leider verkauft.“ Ich weinte. Meine Mutter konnte mich kaum beruhigen.

 

An meinem Geburtstag durfte ich vier Mädchen aus der Nachbarschaft zu Kakao und Kuchen einladen. Um drei Uhr nachmittags kam meine Oma aus der Conti-Siedlung und brachte mir ein Paket mit und gab es mir. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“ So ein großes Paket hatte ich noch nie bekommen. Ich wickelte es vorsichtig aus und erstarte vor Glück.

 

Da lag sie. Meine Puppe Berta. Ich lachte und weinte vor Freude. Ich war sehr stolz und zeigte sie meinen Freundinnen. Das war mein glücklichster Tag, meinte ich, aber es kam ganz anders. Mein Vater, der in der SA war und dort was zu sagen hatte, kam später wie gewohnt. Er hatte eine Versammlung und er hatte auch was getrunken. Ich lief ihm im Flur freudestrahlend entgegen und zeigte ihm meine Puppe.

 

Die Reaktion meines Vaters war fürchterlich. Er schrie und tobte so was wie „Hottentotten“, „Erziehung eines deutschen Kindes“, „minderwertige Kreatur“, nahm die Puppe und schrie weiter. „Für so einen Dreck wird in meinem Hause kein Geld ausgegeben.“ Schlug die Puppe gegen die Tür, wo sie zerbrach und er stürmte auf meine Mutter los, riss ihr an den Haaren und schlug sie. Meine Mutter wehrte sich nicht, nahm mich an die Hand und wir gingen gemeinsam in das Kinderzimmer. Wir weinten uns in den Schlaf. Mein Vater hat nie wieder von diesem Vorfall gesprochen. Meine Oma kam an einem anderen Tag und ich gab ihr die Scherben meiner armen Berta. Oma klebte sie zusammen. Jedes mal wenn ich zur Großmutter kam spielte ich heimlich mit meiner geliebten Berta. Es war meine schönste Zeit.

 

Anmerkung: Mein Vater verstarb 1944 am 12. Dezember für seine Ideale. Im Jahre 2001 hörte ich von dem Spielzeugmuseum in Massenhausen und besuchte es. Da hörte ich von einem Herren, der eine Führung durch das Museum machte, eine Geschichte die mir unheimlich zu Herzen ging und mich sofort an meine Puppe Berta erinnerte. Da wusste ich, dass meine Puppe bei diesem Mann gut aufgehoben ist. Ich erzählte ihm die Geschichte meiner Puppe, bat ihn aber meinen Namen nicht zu nennen. Ab und zu besuche ich sie im Museum und erinnere mich an die schönen und weniger schönen Tage meiner Kindheit.