Die Geschichte von Lady Sophie
ch erblickte das Licht der Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Werkshalle, in der Frauen meinen Körper zusammensetzen. Mein Körper besteht aus 15 Teilen, zuzüglich Perücke und Augen. Meine Augen sind himmelblau und wunderschön! Mein Kopf wurde aus Biskuit-Porzellan gegossen, bemalt und gebrannt. Dann wurden die Teile mit Gummiband zusammengebunden. Eine Frau zog mir schöne Kleider an und legte mich in einen Karton. Danach wurde es dunkel.....

Als es wieder hell wurde, befand ich mich in einem weihnachtlich geschmückten Raum mit einem großen Tannenbaum, an dem die Kerzen brannten. Die Türen gingen auf und Menschen kamen herein. Sie sangen Weihnachtslieder. Ein kleines blondes Mädchen von sieben Jahren entdeckte mich und sah mich unverwandt mit strahlendem Gesicht an. „Meine Puppe, meine eigene Puppe!“, lachte sie, als man sie zu mir schob, nahm mich zärtlich in die Arme und ließ mich nicht mehr los. Es kamen glückliche Zeiten. Das Mädchen nahm mich überall mit hin. Ich war in Berlin, habe die großen Straßen gesehen, Männer in Uniformen, Frauen in schönen Kleidern, Autos und Eisenbahnen, große Hotels mit ihren schönen Zimmern, Freud und Leid erlebt. Das Mädchen erzählte mir alles - über ihre Hoffnungen und Träume – ich war ihr „Ein-Und-Alles“.Die Zeit verging: Aus dem Mädchen wurde eine schöne junge Frau. Sie heiratete und bekam drei Jungs, die nicht mit mir spielen und mich auch nicht anfassen durften. Zwei schreckliche Kriege kamen übers Land. Die Frau erlebte Hunger und Armut. Die Kinder gingen aus dem Haus, und ihr Mann verstarb. Nachdem das schöne Haus verkauft wurde, zog die Frau in ein kleines Zimmer, in dem auch sie bald darauf verstarb.Das machte mich sehr traurig!
ch wurde in meinen Karton verpackt und kam auf dem Dachboden. Dort war es dunkel und kalt. Irgendwo regnete es durch das Dach herein, so dass mein Karton mit der Zeit feucht und meine Kleidung schmutzig wurde. Viele Jahre später fanden mich Fremde beim Aufräumen des Dachbodens. Jemand sagte: „Die verkaufen wir!“ Ich wurde fotografiert und im world wide web zur Versteigerung angeboten. Schon bald kam ein großer, dicker, alter Mann, nahm mich in die Arme, wiegte mich hin und her und sagte: „Schau mal Renate, ist sie nicht schön? Sie ist wunderschön! Wir nehmen sie mit – mit zu den Anderen.“ Ich sollte später sehen, was er damit meinte. Wir hatten eine lange Reise. Dann wusch er mich, zog mir neue Kleider an und ich fühlte mich so schön wie damals, vor fast hundert Jahren. Dann jedoch passierte das Schönste, das man sich vorstellen kann: der Mann brachte mich in das Spielzeugmuseum nach Massenhausen und hier warte ich nun darauf, dass ich wieder einen Namen bekomme, der zu meiner Schönheit und Vergangenheit passt.
Kinder haben der Puppe einen neuen Namen gegeben. Lady Sophie heißt sie .......
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